Interview

"Eine angemessene Wohnraumpolitik ist unerlässlich"

Felix Föhn, Leiter der Sozialen Dienste der Stadt Luzern, über Obdachlosigkeit

LUSTAT: Herr Föhn, was versteht man unter dem Begriff Obdachlosigkeit und wie lässt er sich von verwandten Begriffen abgrenzen?
Nach der europäischen Klassifizierung ETHOS ist "obdachlos", wer im öffentlichen Raum lebt oder ohne Unterkunft ist. Als obdachlos gelten auch Personen, die in Notunterkünften oder in niederschwelligen Einrichtungen übernachten. "Wohnungslose" Menschen wohnen in Einrichtungen für befristete Aufenthalte, zum Beispiel Frauenhäusern, Asylunterkünften oder Jugendheimen. "Wohnungslos" sind auch aus Institutionen entlassene Personen, die über keinen festen Wohnsitz verfügen, beispielsweise nach dem Austritt aus einer Strafanstalt oder einer medizinischen Einrichtung. "Ungesichert" wohnen Menschen, die temporär und oft wechselnd bei Bekannten und Freunden Unterschlupf finden oder denen eine gerichtliche Wohnungsausweisung droht. Von "unzureichendem Wohnen" spricht man schliesslich bei Menschen, die in Wohnprovisorien wie Abbruchhäusern, Garagen usw. hausen oder in ungeeigneten bzw. überbelegten Räumen wohnen.

Wie zeigt sich die Situation bei uns?
Auch wir im Kanton oder der Stadt Luzern verfügen leider über keine verlässlichen Zahlen zum Thema Obdachlosigkeit. Wir bewegen uns hier wie alle anderen im Bereich von Schätzungen und Annahmen. Eine der wenigen Studien aus der Region Basel von 2019 zeigt, dass es sich bei den Betroffenen um rund 80 Prozent Männer und rund 20 Prozent Frauen handelt. Das deckt sich mit unserer Erfahrung. Was wir auch wissen: In vielen Schweizer Städten nimmt die Zahl obdachloser Menschen zu. Dies gilt auch für die Stadt Luzern mit ihrer Zentrumsfunktion. Der illegale Suchtmittelkonsum hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Heute wird überwiegend Crack und Kokain konsumiert, was einen enormen Suchtdruck mit sich bringt. Sich um Alltägliches zu kümmern, ist für die Konsumenten/-innen häufig kaum noch möglich. Der Verlust von Arbeit, Wohnung und sozialen Kontakten geht einher mit dem sich rapide verschlechternden Gesundheitszustand. Obdachlosigkeit ist in diesen Fällen nur eine Frage der Zeit. So sehen wir vermehrt Menschen in der Stadt Luzern, die in Tiefgaragen oder auf öffentlichen Plätzen nächtigen.

Was führt Menschen in die Obdachlosigkeit?
Die Gründe für eine drohende Obdachlosigkeit sind häufig individueller Natur, können aber auch strukturell bedingt sein. Besonders stark betroffen sind Menschen mit persönlichen, oftmals multiplen Problemlagen. Schwere psychische Erkrankungen, Sucht, körperliche Krankheiten, aber auch der Aufenthaltsstatus spielen eine wichtige Rolle. Parallel dazu verfügen diese Menschen über keine oder geringe finanzielle Mittel und kennen im Alltag wenig Strukturen.

Was macht die alltägliche Unterstützung von Obdachlosen besonders?
Obdachlose gehen nach Möglichkeit ihre eigenen Wege und begegnen sozialen Einrichtungen mit Vorsicht. Der unstete Lebenswandel erschwert den Kontakt zu dieser Zielgruppe zusätzlich. Deshalb setzen im Bereich der Überlebenshilfe niederschwellige Angebote auf Akzeptanz, vertrauensbildende Massnahmen und Beziehungspflege. Hier entfalten die aufsuchende Sozialarbeit und die Präsenz an sozialen Brennpunkten ihre Wirkung.

Welche gesellschaftspolitischen Entwicklungen tragen zur Obdachlosigkeit bei?
Auf der strukturellen Ebene sehen wir einen stetigen Rückgang des Leerwohnungsbestands. In rund 80 Prozent der mittleren und grösseren Schweizer Städte ist der Wohnungsmarkt "angespannt", das heisst der Leerwohnungsbestand liegt unter 1,5 Prozent. In allen von ihnen ist die Leerwohnungsziffer seit 2019 gesunken, in der Stadt Luzern beispiels
weise von 1,29 auf 1,07 Prozent im Jahr 2024 (2025: 1,01%). Im Kanton Luzern sind der Agglomerationsgürtel und die Stadt Luzern stark von der Wohnungsknappheit betroffen. Parallel dazu steigen die Mieten seit Jahren kontinuierlich an, gemäss Homegate zum Beispiel um 7,7 Prozent im Jahr 2024. Das ist eine der höchsten Zuwachsraten der Schweiz. In Zeiten, in denen es bereits für den Mittelstand schwierig ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden, kämpfen von Armut Betroffene oder Bedrohte erst recht mit der Wohnungsunsicherheit. Personen mit geringen Einkommen finden kaum noch geeigneten Wohnraum. Das gilt insbesondere für Familien mit Kindern. Zunehmend müssen Menschen auf befristete Mietverhältnisse ausweichen oder in prekären, ungeeigneten Wohnverhältnissen leben. Wohnungslosigkeit oder gar Obdachlosigkeit können je nachdem die Folge sein.

Welche Unterstützungsstrukturen existieren im Kanton?
Es gibt eine Vielzahl von sozialen Einrichtungen, die Wohnraum mit oder ohne Betreuung anbieten. Das gilt etwa für Kinder und Jugendliche, für Menschen mit kognitiven oder körperlichen Beeinträchtigungen, für psychisch belastete Personen, für süchtige oder obdachlose Menschen. Diese Institutionen, die nicht selten auf private Initiativen zurückgehen, werden nach dem Gesetz über soziale Einrichtungen (SEG) vom Kanton finanziert oder vom Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesundheitsförderung (ZISG). Eine wichtige Rolle spielen auch gemeinnützige Wohnbaugenossenschaften. Allein in der Stadt Luzern gibt es rund 25 von ihnen.

Welche konkreten Unterstützungsangebote bietet die Stadt Luzern?
Die Sozialen Dienste der Stadt Luzern sind zunehmend mit Anfragen nach Wohnraum konfrontiert. Menschen mit wirtschaftlicher Sozialhilfe stellen wir bei Bedarf einen Wohncoach zur Verfügung, um sie bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung zu unterstützen. Zudem haben wir das Angebot an Notwohnungen in den letzten Monaten auf derzeit 6 Wohnungen aufgestockt. Sie dienen der vorübergehenden Unterkunft. Damit soll primär Obdachlosigkeit von Familien und vulnerablen Menschen verhindert werden. Der Verein Jobdach führt in der Stadt Luzern die Notschlafstelle mit aktuell 18 regulären Betten. Bei einer grösseren Nachfrage, etwa bei Minustemperaturen im Winter, kann die Kapazität um 7 Notbetten erhöht werden. Dennoch mussten in dieser Wintersaison zweimal Personen abgewiesen werden. Solche Abweisungen stellen eine hohe Belastung für die Mitarbeitenden dar.

Wo liegen die Grenzen der Angebote? Welchen Wunsch hegen Sie persönlich?
Die Wohnungsknappheit und damit drohende Wohnungslosigkeit bzw. Obdachlosigkeit hat sich in den letzten Jahren deutlich akzentuiert. Angebote von sozialen Einrichtungen sind im Einzelfall wertvoll und lindern individuelle Not. Damit vulnerable Menschen und Personen mit einem tiefen Einkommen aber auch in Zukunft ein Zuhause finden, ist eine angemessene Wohnraumpolitik unerlässlich. Nur so kann auch bezahlbarer Wohnraum für alle geschaffen werden. Wohnen ist ein Menschenrecht.

Felix Föhn ist Leiter der Sozialen Dienste der Stadt Luzern. Er studierte Soziale Arbeit in Luzern und absolvierte ein MBA in Sozialwirtschaft, Management und Organisation Soziale Dienste, ISMOS, an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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