Finanzielle Situation des Mittelstands
Oberer Mittelstand erzielt höchsten absoluten Einkommenszuwachs
Der Mittelstand wird häufig über das Einkommen definiert, so auch in vorliegender Analyse. Gemeint ist die Bevölkerungsgruppe mit den mittleren Einkommen. Je nach Auslegung wird der Begriff auch umfassender verstanden, und es fliessen neben dem Einkommen weitere Merkmale wie Bildungsniveau, berufliche Stellung und gesellschaftliches Ansehen mit ein (BFS 2026: 5). Die zentrale Bezugsgrösse bleibt jedoch das Einkommen, denn dieses korreliert stark mit Bildung, sozialem Status und anderen sozioökonomischen Eigenschaften (Schellenbauer/Müller-Jentsch 2012: 13–15).
Für die Eingrenzung des Mittelstands auf die Bevölkerungsgruppe mit den mittleren Einkommen bestehen unterschiedliche Methoden.
Gemäss der vom BFS verwendeten Methodik umfasst der Mittelstand all jene Haushalte, deren Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommens liegt. Dabei wird der Bereich von 70 Prozent bis zum Median als unterer Mittelstand und der Bereich vom Median bis zu den 150 Prozent als oberer Mittelstand bezeichnet. 2023 liegt die untere Grenze des Mittelstands gemäss BFS-Methodik im Kanton Luzern bei rund 47'000 Franken (70% des Medians). Der Median liegt bei rund 67'000 Franken und bildet die Grenze zwischen dem unteren und oberen Mittelstand. Die Obergrenze des Mittelstands liegt bei rund 100'000 Franken (150% des Medians). Die vom BFS verwendete Methodik eignet sich, um den Bevölkerungsanteil und die Entwicklung des Mittelstands über die Zeit zu ermitteln. Wobei zu sagen ist, dass sich in der Schweiz seit über zwanzig Jahren der mittelständische Bevölkerungsanteil in seiner Grösse nur schwach verändert hat (BFS 2025). Im Kanton Luzern liegt der mittelständische Bevölkerungsanteil 2023 bei 63 Prozent (2010: 62%).
In vorliegender Analyse wie in der Forschung allgemein wird die Bevölkerungsgruppe mit den mittleren Einkommen nach der Methodik der Einkommensperzentile definiert. Sie eignet sich für die Analyse, wie sich die mittelständischen Einkommen verändern. Zur Ermittlung der mittelständischen Einkommensgruppe werden die Personen in Privathaushalten mit einer Referenzperson im Erwerbsalter nach aufsteigendem Haushaltseinkommen in 100 gleich grosse Gruppen eingeteilt (Perzentile). Dabei umfasst der Mittelstand die mittleren 60 Prozent der Bevölkerung. Der Begriff hebt diesen Anteil ab gegen die verbleibenden Bevölkerungsanteile von 20 Prozent Einkommensschwachen und 20 Prozent Einkommensstarken. Zusätzlich wird der Mittelstand in den unteren Mittelstand (21. bis 40. Perzentil), den mittleren Mittelstand (41. bis 60. Perzentil) und den oberen Mittelstand (61. bis 80. Perzentil) unterteilt.
Als Einkommen wird das gesamte Einkommen eines Haushalts (Haushaltseinkommen) verwendet, also nicht nur das Erwerbseinkommen. Damit die verschiedenen Haushalte miteinander verglichen werden können, wird das Haushaltseinkommen auf einen Einpersonenhaushalt standardisiert (Äquivalenzhaushaltseinkommen).
In Verbindung mit der Globalisierung, der Deindustrialisierung und dem technologischen Wandel hat der Mittelstand in den westlichen Demokratien im Verhältnis zu den anderen Einkommensgruppen in den letzten Jahrzehnten den tiefsten Einkommenszuwachs erfahren (Häusermann/Bornschier 2023: 11). Gemäss OECD ist der Mittelstand damit in den letzten Jahrzehnten zunehmend unter finanziellen Druck geraten und mit ihm die makroökonomische Basis für eine finanziell gesunde Wirtschaft und Gesellschaft, für die der Mittelstand steht (OECD 2019: 13).
Untergrenze des Mittelstands liegt bei rund 47'000 Franken
In vorliegender Analyse wird für die Bestimmung des Mittelstands die Methodik der Einkommensperzentile verwendet (vgl. Infobox oben). Die Personen in den Gruppen vom 21. bis zum 80. Perzentil bilden dabei den Mittelstand. Aufgrund der verschiedenen Haushaltsgrössen werden die Haushaltseinkommen zur Einordnung auf einen Einpersonenhaushalt standardisiert.
Gemäss der Perzentil-Methodik liegt die Untergrenze des Mittelstands 2023 bei rund 47'000 Franken (20. Perzentil). Die Grenze zwischen dem unteren und mittleren Mittelstand liegt bei rund 60'000 Franken (40. Perzentil). Der Übergang zwischen mittlerem und oberem Mittelstand liegt bei rund 74'000 Franken (60. Perzentil) und die Obergrenze des oberen Mittelstands sowie des gesamten Mittelstands liegt bei rund 95'000 Franken (80. Perzentil).
Vor allem Familien gehören zum unteren Mittelstand
Wie verteilen sich die unterschiedlichen Haushaltstypen innerhalb des Mittelstand?
Im unteren Mittelstand (21. bis 40. Perzentil) bilden die Paarhaushalte mit Kindern die deutlich grösste Gruppe. Ihr Anteil reicht von 57 bis 66 Prozent, wobei er mit steigendem Perzentil tendenziell abnimmt.
An der Basis des unteren Mittelstands (21. Perzentil) bilden die Einelternhaushalte und die Einpersonenhaushalte mit je 10 Prozent die zweitgrössten Gruppen. Während der Anteil der Einpersonenhaushalte bis zum 40. Perzentil auf 14 Prozent ansteigt, sinkt er bei den Einelternhaushalten auf 5 Prozent. Das heisst, dass sich die Einpersonenhaushalte mit ihren Einkommen vermehrt an der Obergrenze des unteren Mittelstands befinden, während die Einelternhaushalte mit ihren Einkommen vermehrt an der Untergrenze des unteren Mittelstands angesiedelt sind.
Im mittleren Mittelstand (41.–60. Perzentil) sinkt der Anteil der Paarhaushalte mit Kindern weiter von 58 auf 50 Prozent. Der Anteil der Einpersonenhaushalte verringert sich von 14 auf 13 Prozent, während der Anteil der Einelternhaushalte weiter von 5 auf 3 Prozent sinkt.
Im oberen Mittelstand (61.–80. Perzentil) nimmt der Anteil der Paarhaushalte mit Kindern weiter ab und liegt an der Obergrenze (80. Perzentil) bei 42 Prozent. Auch bei den Einpersonenhaushalten nimmt der Anteil im Bereich des oberen Mittelstands weiter ab und liegt an dessen Obergrenze bei 11 Prozent.
In der Gruppe des 80. Einkommensperzentils stellen Paare ohne Kinder mit 31 Prozent nach den Paarhaushalten mit Kindern (42%) die zweitgrösste Gruppe dar; die Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder mit 12 Prozent die drittgrösste.
Im Hinblick auf Familien zeigt sich ein interessantes Muster: An der Basis des unteren Mittelstands (21. Perzentil) leben fast vier Fünftel der Personen (77%) in einem Haushalt mit mindestens einem Kind. An der Obergrenze des oberen Mittelstands (80. Perzentil) sind es weniger als die Hälfte (45%). Der Anteil der Haushalte mit Kindern nimmt im Mittelstand mit steigendem Einkommen also stetig ab.
Erwerbseinkommen machen zwischen 86 und 95 Prozent der mittelständischen Haushaltseinkommen aus
Wie setzen sich die Haushaltseinkommen in den Gruppen des Mittelstands zusammen? Die deutlich wichtigste Einkommensquelle von Personen in Mittelstandshaushalten (Referenzperson im Erwerbsalter) bildet das Erwerbseinkommen.
In den Haushalten an der Basis des unteren Mittelstands (21. Perzentil) ist das bei 86 Prozent der Fall. Neben dem Erwerbseinkommen stellen die bedarfsabhängigen Sozialleistungen und die Sozialversicherungsleistungen mit je 4 Prozent weitere grössere Einkommensquellen dar.
Liegt das Haushaltseinkommen über dem 21. Perzentil, steigt auch der Anteil des Erwerbseinkommens an den gesamten Einkommensquellen. An der Obergrenze des unteren Mittelstands (40. Perzentil) macht das Erwerbseinkommen 92 Prozent der Haushaltseinkommen betreffender Haushalte aus. Die bedarfsabhängigen Sozialleistungen und die Sozialversicherungsleistungen tragen hier mit 2 und 3 Prozent weniger zum Haushaltseinkommen bei als an der Basis des unteren Mittelstands.
Im mittleren Mittelstand nimmt der Anteil des Erwerbseinkommens weiter zu. An der Obergrenze des mittleren Mittelstands (60. Perzentil) macht es 93 Prozent des gesamten Haushaltseinkommens dieser Einkommensgruppe aus. Die bedarfsabhängigen Sozialleistungen respektive die Sozialversicherungsleistungen stellen hier noch einen Anteil von 1 respektive 2 Prozent des Haushaltseinkommens dar. Ebenfalls 2 Prozent beträgt in diesem Einkommensbereich der Ertrag aus Wertschriften und Liegenschaften.
Im oberen Mittelstand stabilisiert sich der Anteil des Erwerbseinkommens am Haushaltseinkommen und liegt an dessen Obergrenze (80. Perzentil) bei 94 Prozent (Maximalwert von 95% beim 62./76. Perzentil). Der Anteil des Ertrags aus Wertschriften und Liegenschaften macht 3 Prozent am Haushaltseinkommen dieser Einkommensgruppe aus. Die übrigen Einkommensquellen spielen eine sehr geringe Rolle.
Während also in Haushalten an der Basis des Mittelstands die Einkommen aus Sozialversicherungs- und bedarfsabhängigen Sozialleistungen (zusammen 9 Prozent) eine wichtige Ergänzung zum Erwerbseinkommen darstellen, besteht in den Haushalten an der oberen Einkommensgrenze des Mittelstands das Haushaltseinkommen fast ausschliesslich aus dem Erwerbseinkommen, welches durch Erträge aus Wertschriften und Liegenschaften ergänzt wird.
Einkommensunterschiede im mittleren Mittelstand am geringsten
Wie sind die durchschnittlichen (auf einen Einpersonenhaushalt standardisierten) Haushaltseinkommen der mittelständischen Einkommensgruppen verteilt?
An der Basis des unteren Mittelstands (21. Perzentil) liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen bei rund 47'000 Franken. An der Obergrenze des unteren Mittelstands (40. Perzentil) liegt es bei rund 60'000 Franken. Bis zur Obergrenze des mittleren Mittelstands (60. Perzentil) nimmt das Haushaltseinkommen auf rund 73'000 Franken zu. An der oberen Einkommensgrenze des oberen Mittelstands (80. Perzentil) liegt es schliesslich bei rund 94'000 Franken.
Das Haushaltseinkommen der Einkommensgruppe des unteren Mittelstands nimmt also vom 21. bis zum 40. Perzentil um 27 Prozent zu. Vom 41. bis zum 60. Perzentil, beim mittleren Mittelstand, liegt die Zunahme bei 22 Prozent und beim oberen Mittelstand (61.–80. Perzentil) bei 27 Prozent. Während der Einkommensanstieg im mittleren Mittelstand gegenüber dem unteren Mittelstand leicht abflacht, nimmt er im oberen Mittelstand wieder zu.
Absolut sind Einkommen des oberen Mittelstands am meisten gewachsen
Wie sind die (auf einen Einpersonenhaushalt standardisierten) Haushaltseinkommen der mittelständischen Einkommensgruppen in den letzten zehn Jahren (2014–2023) absolut und relativ gewachsen (teuerungsbereinigt)?
In absoluten Zahlen verzeichnet die Einkommensgruppe des unteren Mittelstands von 2014 bis 2023 das schwächste Einkommenswachstum. An der Basis des unteren Mittelstands (21. Perzentil) liegt der Zuwachs bei rund 4'000 Franken und am Übergang vom unteren zum mittleren Mittelstand (40./41. Perzentil) bei rund 4'400 Franken. Am Übergang vom mittleren zum oberen Mittelstand (60./61. Perzentil) liegt das Einkommenswachstum zwischen rund 4'700 und 4'800 Franken deutlich höher. An der Obergrenze des oberen Mittelstands (80. Perzentil) verzeichnet die betreffende Haushaltsgruppe mit rund 5'800 Franken den höchsten absoluten Einkommenszuwachs aller drei mittelständischen Einkommensgruppen.
In absoluter Hinsicht ist das Einkommenswachstum im Mittelstand in den letzten zehn Jahren im oberen Mittelstand am höchsten. Im unteren Mittelstand hingegen ist das Wachstum von allen drei mittelständischen Einkommensgruppen am schwächsten ausgefallen. Die bedarfsabhängigen Sozialleistungen wirken dieser Tatsache sichtbar entgegen. Ohne bedarfsabhängige Sozialleistungen wäre das absolute Wachstum beim unteren Mittelstand geringer ausgefallen.
Einkommen des unteren Mittelstands verzeichnet grösstes relatives Wachstum
In relativer Hinsicht verhält es sich genau umgekehrt wie in absoluter. Allerdings ist zu beachten, dass das relative Wachstum stark von der Höhe des Einkommens abhängig ist. So fällt beispielsweise ein absolutes Wachstum von 10'000 auf 11'000 Franken (+10%) relativ betrachtet deutlich stärker aus, als ein absolutes Wachstum von 50'000 auf 51'000 Franken (+2%), obwohl das absolute Wachstum identisch ist.
Werden die Haushaltseinkommen von 2023 denjenigen von 2014 gegenübergestellt, verzeichnet im Verlauf dieser zehn Jahre die Einkommensgruppe an der Basis des unteren Mittelstands (21. Perzentil) den stärksten Zuwachs (+10%). An der Basis des mittleren Mittelstands (41. Perzentil) beträgt das Wachstum tiefere 8 Prozent. Am Übergang vom mittleren zum oberen Mittelstand (61. Perzentil) beträgt es noch 7 Prozent und bleibt bis zur Obergrenze des oberen Mittelstands (80. Perzentil) bei 7 Prozent stabil.
In relativer Hinsicht ist das Einkommenswachstum im Mittelstand in den letzten zehn Jahren im unteren Mittelstand am grössten. Ein Teil dieser Zunahme geht auf die bedarfsabhängigen Sozialleistungen zurück. Im oberen Mittelstand ist das Wachstum hingegen von allen drei mittelständischen Einkommensgruppen am schwächsten ausgefallen.
LUSTAT Statistik Luzern / 9. Juli 2026 / Autor: David von Holzen
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