Interview

"Demografische Entwicklung steigert den Bedarf an Pathologie-Leistungen"

Interview mit Prof. Dr. med. Joachim Diebold

Chefarzt Pathologie, Leiter Institute des Luzerner Kantonsspitals LUKS sowie Leiter Zentralschweizer Krebsregister (ZKR)

Herr Prof. Dr. med. Diebold, wie wird Krebs diagnostiziert?
Für eine Krebsdiagnose spielen bildgebende Verfahren und die Analysen in der Pathologie die entscheidenden Rollen. Die Diagnose auf der Basis der mikroskopischen Beurteilung von Zell- und Gewebeproben ist die Hauptaufgabe der Pathologie. Typischerweise wird aus einer verdächtigen Veränderung im Gewebe – beispielsweise aus einem Knoten in der Brust – mithilfe einer Biopsie eine kleine Probe entnommen und mikroskopisch respektive histologisch untersucht. Mit molekularpathologischen Zusatzuntersuchungen, die sich häufig anschliessen, können die genetischen Merkmale der Krebszellen charakterisiert werden. Alle Informationen aus der Pathologie beeinflussen die Art der Therapie der Patienten/-innen.

Leistungen der Pathologie am Luzerner Kantonsspital LUKS

Die Pathologie untersucht Gewebe- und Zellproben zur Diagnose von Krankheiten. Hauptsächlich werden Gewebe von lebenden Patienten/-innen (Biopsien und Operationspräparate) analysiert, klinische Obduktionen gehören aber ebenfalls zu den Aufgaben. Mit ihrer diagnostischen Tätigkeit leistet die Pathologie des Luzerner Kantonsspitals LUKS einen wichtigen Beitrag zur Abklärung und Behandlung von Patienten/-innen sowie zur Prävention. Insbesondere für Krebsdiagnosen spielt die Analyse von Zell- und Gewebeproben die entscheidende Rolle. Das Pathologie-Institut am LUKS hat überregional eine grosse Bedeutung und gehört seit über 100 Jahren zu den führenden Anbietern in der Schweiz.

Warum ist die Pathologie des LUKS für das Zentralschweizer Krebsregister so wichtig?
Mit Inkrafttreten des Krebsregistrierungsgesetzes per 1. Januar 2020 sind Ärzte/-innen, Spitäler, Labore und andere private oder öffentliche Institutionen des Gesundheitswesens verpflichtet, alle Fälle von Krebs und Krebsvorstufen sowie bestimmte gutartige Tumore von Personen, die in der Schweiz wohnhaft sind, an das zuständige Krebsregister zu melden. Das Zentralschweizer Krebsregister (ZKR) ist für die Kantone Luzern, Nidwalden, Obwalden und Uri zuständig. Patientenberichte bilden die Grundlage für die Krebsregistrierung. Bei rund 90 Prozent der registrierten Patienten/-innen stammen die Berichte dabei von einem Pathologie-Institut. Die restlichen Berichte werden beispielsweise von privaten Ärzten oder Laboren geliefert. Die Befunde und entsprechende Krebsdiagnosen sind wichtig für das ZKR, da Informationen wie Tumorgrösse und Lymphknotenstatus in den Berichten detailliert erfasst und für die Codierung benötigt werden.

Das Pathologische Institut des LUKS wurde im Jahr 1919 in Betrieb genommen. Wie hat es sich seither entwickelt?
Das Institut befand sich anfänglich in den Kellerräumen des heutigen LUKS. Helene Kloss leitete als erste Frau und als eine der ersten Chefärztinnen der Schweiz das Institut von 1919 bis 1947. Im Jahr 1933 erhielt das Institut einen Neubau im Bauhausstil, in welchem bis Mitte 2024 die Gewebeproben begutachtet wurden. Um 1930 wurden ein paar Tausend Untersuchungen pro Jahr durchgeführt. Heute sind es massiv mehr.

Was waren die Gründe für den Neubau des Pathologischen Instituts?
Die demografische Entwicklung respektive die Alterung der Bevölkerung und die stetige Bevölkerungszunahme in der Zentralschweiz führen zu einem gestiegenen Bedarf an Pathologieleistungen. Das neue Gebäude erlaubt nun eine Optimierung der Prozessabläufe und eine Bewältigung des Arbeitsvolumens. Der Bedarf an Pathologieleistungen hat sich in den letzten Jahrzehnten immens gesteigert. Wir führen heute nur schon in der Histologie über 100'000 Untersuchungen pro Jahr durch. Die Realisierung des Neubaus auf dem LUKS-Areal erfolgte innerhalb der letzten zwei Jahre. Am 24. Juni 2024 konnten wir den Betrieb im neuen Institutsgebäude der Luzerner Pathologie aufnehmen. Der Budgetrahmen von 21 Millionen Franken konnte eingehalten werden.

Wie ist die Pathologie des LUKS heute aufgestellt?
Das Institut mit 15 Fachärzten/-innen, 4 Assistenzärzten/-innen und 50 Personen der technischen und administrativen Bereiche bietet Diagnostik für die Zentralschweiz mit rund 700'000 Einwohnenden. Die Pathologie am LUKS deckt alle drei diagnostischen Hauptbereiche der Pathologie – Histologie, Zytologie und Molekularpathologie – ab. Diese Bereiche wurden nun unter einem Dach zusammengeführt und verfügen im Neubau schliesslich über den für ihre Arbeit notwendigen Platz.

Welche Bedeutung hat der Ausbau des Luzerner Pathologie-Instituts für die Zentralschweiz insgesamt?
Alle Kantonsspitäler und privaten Kliniken der Zentralschweiz sowie die meisten Arztpraxen schicken Proben an das Institut des LUKS. Im Rahmen der histologischen Aufarbeitung entstehen pro Jahr rund 600'000 Objektträger, die vom Ärzteteam beurteilt werden. Dazu gehören zum Beispiel alle Biopsien, die im Rahmen des Darmkrebsfrüherkennungsprogramms entnommen werden. In den molekularpathologischen Laboratorien werden mit verschiedenen Methoden DNA-Analysen vor allem von Tumoren vorgenommen. Diese bilden die Grundlage für die individualisierten Therapieentscheidungen der Medizinischen Onkologie, der sogenannten Präzisionsmedizin. Die modernen Methoden erlauben es, aus immer kleineren Gewebeproben immer detailliertere Informationen über die Tumoren zu erhalten. Der Neubau bietet nun ideale Rahmenbedingungen für den kontinuierlichen Ausbau der Molekularpathologie und auch der Digitalen Pathologie.

Die Digitalisierung spielt mittlerweile also auch in der Pathologie eine grosse Rolle?
Für die Digitale Pathologie werden die Objektträger eingescannt und dann an Monitoren beurteilt, welche die Mikroskope ersetzen. Das ist die Voraussetzung für den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). KI wird die Pathologen/-innen von ermüdenden repetitiven Aufgaben entlasten. So wird ihnen mehr Zeit für die Lösung komplexer diagnostischer Fälle bleiben – ein Plus für die medizinische Qualität und die Patientensicherheit. Die Pathologen/-innen erwarten, dadurch die zunehmende Zahl an Fällen besser bewältigen zu können, ohne die diagnostische Genauigkeit zu gefährden. Die KI wird einen Beitrag zur Qualitätssicherung leisten. Die Verantwortung für die abschliessende Interpretation wird aber immer bei den Fachpathologen/-innen bleiben.
Mit dem Neubau ist die Luzerner Pathologie bereit für die Zukunft – zum Nutzen für die ganze Region. Das umfassende Angebot an diagnostischen Leistungen kommt allen Patienten/-innen, die in den öffentlichen und privaten Spitälern sowie in den Arztpraxen der Zentralschweiz betreut werden, zugute.

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